Musik von Pappe und Klaviere ohne Klavierspieler

Wir schreiben das Jahr 1886 und sitzen in der Stube eines kleinen Hauses auf dem Land. Die nächste Stadt ist weit weg.

Es gibt kein Zeitungsabonnement, kein Radio, man hat viel Zeit für Gespräche. An Sonntagnachmittagen, wenn die Arbeit ruht, sitzt die Familie zusammen und freut sich auf eine schöne Melodie: Mutter legt eine runde Scheibe aus Pappe - mit Löchern drin - auf einen Holzkasten, dann dreht sie eine Kurbel an der Seite des Kastens, die Pappscheibe beginnt sich zu drehen.


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Alle Gesichter strahlen, weil aus dem Kasten Musik ertönt. Das Instrument ist eine Tischdrehorgel mit dem Namen Ariston, ein “Topseller”, den sich auch das einfache Volk leisten kann.


Uhren und Spieluhren mit Flötenmelodien

In der Stadt sind zu jener Zeit in vielen privaten Haushalten Uhren mit Flötenmelodien oder Spieluhren in verschiedenen Größen nichts Ungewöhnliches. Musik von der filigran gearbeiteten und deshalb teuren Walze statt von der Pappscheibe. Wer Geld hat, kann sich was Besseres leisten. Und davon gibt es reichlich.

Drehorgelspieler schlendern musizierend durch die Straßen. Die Melodie kommt von Pappstreifen, die im Kasten der Orgel gefaltet und übereinander gelegt sind.

Orchestrien machen Musik mit Druckluft
Nicht Kurbelantrieb, nicht das Aufziehen einer Feder (wie bei einer Uhr), sondern Druckluft (Pneumatik) macht´s möglich, dass so genannte Orchestrien gebaut werden: Schränke, drei Meter breit, vier hoch, Tonnen schwer. Sie bringen mehrere Instrumente zum Klingen – alles ohne Musiker. Orchestrien sind ideal für große Räume, also für Cafés und Tanzsäale, denn damit kann man den Menschen Unterhaltung und Abwechslung bieten. Keine Frage – damit verdienen beide gutes Geld: die Instrumentenbauer und die Betreiber.

Ein Klavier spielt ohne Klavierspieler
Aber die Zunft der Musikinstrumentebauer will mehr – nämlich den perfekten Klang. 1904 ist es soweit: Edwin Welte (Freiburg im Breisgau) und sein Partner Karl Bokisch lassen sich das Reproduktionsklavier patentieren. Der Knüller ist, dass es zu jeder Zeit an jedem Ort Stücke spielen kann. Wie funktioniert die Aufnahmetechnik ? Man weiß nicht mehr genau, wie die Töne in einen Pappstreifen gestanzt wurden. Vermutlich wollten die Erfinder aus Angst vor Konkurrenten nichts Genaues preisgeben.

Jedenfalls sollen Richard Strauss, Edvard Grieg, Claude Debussy oder Gustav Mahler überwältigt gewesen sein, als sie ihre Kompositionen auf einem selbstspielenden Klavier hörten.

 

1908 die nächste Sensation: Violinen und Klavier spielen zusammen - ohne Musiker
Mit der nächsten Sensation hatte auch niemand gerechnet: Die Ludwig Hupfeld AG (Leipzig) stellt 1908 auf der Leipziger Herbstmesse eine "Phonoliszt-Violina" vor: Fünf Violinen werden mechanisch gespielt – und begleitet von Klaviermusik. In Serie geht dieses Meisterwerk der Zunft mit drei Violinen.

Erst das Grammophon, dann auch noch das Radio
Wer weiß, womit die Musikinstrumentebauer die Welt noch verzaubert, begeistert, verblüfft oder überrascht hätten, wenn nicht das Grammophon und der Rundfunk erfunden worden wären. Grammophon und schließlich das Radio läuten das Ende einer Branche ein, vor der man auch heute noch den Hut ziehen kann.

Die Leistung der Tüftler, Erbauer und Handwerker wird gewürdigt, mit Stolz und Begeisterung beschrieben und mit 250 Instrumenten dokumentiert (alle sind spielbereit) im Museum mechanischer Musikinstrumente in Königslutter.

Dort können Sie in angenehmer Atmosphäre die Entwicklung nachgehen - eine Führung sei schon allein deshalb empfohlen, weil sie dabei auch einige Instrumente ausprobieren können. Und - sehr sympatisch: eine Führung können Sie auch schon mal zu zweit bekommen.

Erst spielten die Tischdrehorgeln Musik von Pappe ab, später wurden Scheiben aus Blech bevorzugt.Blick in den „Gartensaal“. In diesem Teil des Museums befinden sich die aufwändigsten und größten Orchestrien.Die Erfindung des Grammophons bedeutete das Ende für die mechanischen Musikinstrumente.Phonographen und Grammophone – die Repräsentanten eines neuen Zeitalters der Musikwiedergabe.In der Zeit des Stummfilms ging es nicht ohne dieses besondere Klavier, aus dem sogar Donnerschlag und Hufgetrappel erklang.Die Musikbox ersetzte ab den späten 1940er Jahren die mechanischen Musikinstrumente in den Gaststätten.Orchestrion „Cottage“ , Firma Welte (Leipzig): Ein filigran gearbeiteter Blasebalg sorgte für den mechanischen Antrieb der Papierrollen.Ab 1908 baut die Ludwig Hupfeld AG (Leipzig)  Musikinstrumente, bei denen Geigen und Klavier miteinander spielen – mechanisch.Drei vollständige Geigen werden durch Pneumatik betrieben – zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt die Phonoliszt Violina als „achtes Weltwunder“Orchestrion „Popper’s Aurora“ von 1910. Typ eines einfachen Walzenorchestrions, zu Beginn des 20. Jahrhunderts hauptsächlich in Landgaststätten zu finden.Popper’s Aurora, Detailansicht mit verschiedenen InstrumentenEine Sammlung der schönsten Tischdrehorgeln bietet das MMM ziemlich zu Anfang des Rundgangs.Die Melodie klang perfekt – besser kann man so einen Flügel nicht bauen.Dieses Instrument erinnert an eine Hausorgel. Der letzte Sultan von Konstantinopel, Abdul Hamid II., hatte es in seinem Harem zur Unterhaltung aufstellen lassen.Juwelier Warnecke aus Königslutter ließ dieses Musikinstrument „Gasthaus“ restaurieren und übergab es dem Museum zum 10-jährigen Jubiläum.