Orgel begeistert – eine ungewöhnliche Exkursion des ORGANEUMS (Weener)

Das ORGANEUM (Weener) organisiert eine ungewöhnliche Exkursion: 37 Orgelschülerinnen und Schüler spielen auf Orgeln in Groothusen, Jennelt, Hinte, Oldersum und Leer – an einem Tag, und die meisten zum ersten Mal öffentlich.
Bevor sie sich ans Manual setzen und spielen, geben sie Antworten auf folgende Fragen: Wie bin ich zum Orgelspiel gekommen? Was habe ich gelernt? Welche Kompositionen übe ich zurzeit, und welche besonderen Merkmale hat diese Orgel? Ihre Lehrer sind dabei, der Landeskirchenmusikdirektor (LKMD) und Chef des ORGANEUMS, Winfried Dahlke, Verwandte und Interessierte.


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Der jüngste Schüler Thade aus Oldersum ist neun Jahre alt. „Das ist jetzt mein erstes Orgelstück“, sagt er, hebt die rechte Hand und krümmt seine Finger. „Die Finger krumm halten und laut mitsingen, das habe ich geübt. Das Stück, das ich spiele, ist von dem amerikanischen Komponisten James Bastien (1934 – 2005). Er hat Kompositionen, mit denen man das Spielen leicht lernen kann“. Und dann setzt Thade sich auf die Bank und spielt. Sein Lehrer Wim Riefel aus Warnsveld in den Niederlanden steht neben der Orgelbank und gibt ihm ein Gefühl der Sicherheit. Der Junge spielt das Erlernte tadellos, tritt vor das Publikum, verbeugt sich und lächelt erleichtert, denn er bekommt kräftig Beifall.

Es geht allen Orgelschülern an diesem Samstag so. Ihre Anspannung legt sich erst, wenn der letzte Ton verhallt und die Zuhörer applaudieren. Freude und große Erleichterung spürt auch Pastor Dietrich Grosse Veldmann. Jahrzehntelang hat er zum Orgelspiel gesungen, jetzt sitzt er selbst - als Pensionär und Schüler von Wim Riefel - am Manual der Orgel in der Evangelisch-reformierten Kirche Groothusen. „Es ist für mich das erste Mal, dass ich die Gemeinde beim Singen begleite“. Dafür hat er sich „Jesu geh voran“ ausgesucht, spielt vier Strophen, die Gemeinde singt beschwingt mit

Groothusen, die erste Station auf der Tour, ist schon mal ein gelungener Auftakt: zwei Schülerinnen, drei Schüler, darunter eine Vater-Sohn-Kombination, die das Publikum mit einem vierhändigen „Ländler“ von Hans Leo Hassler (1564-1612) erstaunt. Beim Mittagessen erzählt der Vater (42), er habe mit dem Orgelspiel früh angefangen, dann aber andere Interessen gehabt, jetzt sei er wieder eingestiegen und hofft, dass sein Sohn (14) dabei bleibt.

In Jennelt erzählt Amke Postma, wie stolz die Gemeinde auf die fast 300 Jahre alte Constabel-Orgel sei (Erbauer: Johann Friedrich Constabel, Wittmund). „Die haben wir für´n Appel und ´n Ei bekommen. Und die geben wir auch nicht wieder her“. Gelungener kann die Symbiose zwischen Gemeinde und Instrument nicht ausgedrückt werden als von dieser 14-jährigen Orgelschülerin, die ihr Spiel souverän vorträgt.

Dann setzt sich die „Orgel-begeistert-Karawane“ mit dem Reisebus wieder in Bewegung. Es geht nach Hinte. Verglichen mit Jennelt eine riesige Kirche. Fünf junge Orgelschüler im Alter von 9 bis 13 Jahren und eine 37-Jährige zeigen, was sie mit ihrer Lehrerin Judith Riefel-Linden einstudiert haben. Und dann gibt´s noch ein Quiz für das Publikum. Welche Pfeifen werden wir hören und wie klingen die? Judith Riefel-Linden stellt ihre Schüler und auch einige Gäste in kleine Gruppen auf und gibt ihnen Namen. Drei Jungs sind die „Familie Prinzipal“. Einer von ihnen, Jan, sagt stolz „Wir sind die drei wichtigsten Pfeifen“.

Die Orgel in Hinte ist wie viele jahrhundertealte Instrumente in der Region ein Meisterwerk. Weit oben am Manual sitzen die aufgeregten Schüler, die Atmosphäre im Kirchengebäude trägt die Töne sauber und würdevoll zu den Zuhörern. Auch hier ist viel Applaus der Mühe Lohn. Stolz ist auch der Orgelschüler Lars (13), denn die Gemeinde begleitet sein Lied „Liebster Jesu, wir sind hier“ mit kräftigem Gesang.

Diese eintägige Exkursion bietet Informationen zu Orgeln und Komponisten und vor allem Emotionen: Freude der Zuschauer, die entweder die komplette Tour mitmachen oder auch an den jeweiligen Orten dazukommen. Neugier, vor allem der Verwandten („Hoffentlich macht er/ sie es fehlerfrei“), Lehrer, die ihre Schülerinnen und Schüler stärken, und anerkennende, lobende Worte des LKMD Winfried Dahlke.

In der katholischen Kirche Mariae Himmelfahrt (Oldersum) lautet das Thema „Stufen zur Meisterschaft“, d.h. hier beginnt der oben genannte Thade als jüngster, dann folgen Orgelschülerinnen, die schon zwei oder mehr Jahre Unterricht haben, die 49-jährige Heike Schmidt-Buss spielt das Finale. Sie hat bereits als junge Frau angefangen, dann aber durch Familie, Beruf und andere Gegebenheiten immer wieder pausiert, ist aber seit einiger Zeit doch wieder dabei. „Es lässt mich nicht los“, sagt sie.

In der Evangelisch-reformierten Kirche (Oldersum), sie ist soeben für eine Trauung geschmückt worden, treten neun Orgelschülerinnen und - schüler auf. Sie haben mit ihrer Lehrerin Daniela Staiger (Ganderkesee bei Bremen) den „Karneval der Tiere“ für die Orgel bearbeitet. Verkleidet mit Masken spielen sie abwechselnd kleine Stücke, den roten Faden der Geschichte trägt eine junge Erzählerin vor. Eine kreative Umsetzung, die bei den Zuhörern ebenso gut ankommt wie die anderen Kompositionen.

„Orgel begeistert“ führt um 17 Uhr zum Finale in die Große Reformierte Kirche in Leer. Gut acht Stunden sind Orgelschüler, Lehrer und Gäste bereits unterwegs, aber von Müdigkeit keine Spur. Die Spielwiese, die hier aus Klängen entsteht, kann man so beschreiben: Es ist großartig, wie die Orgelschüler mit drei Manualen und Pedalen umgehen. Dazu kommt der Charme der einzelnen Interpreten:

Wir hören von einer 37-Jährigen, dass sie sich beim Üben komplett entspannen kann, eine 67-Jährige spielt mit ihrer etwas jüngeren Freundin vierhändig, und Carsten (20), der seit 10 Jahren Orgel spielt, schließt den Reigen mit dem „Ceremonial March“ von Herbert Whitton Sumsion (1899-1995).

Fünf Orgeln an einem Tag, 37 Schülerinnen, über 40 Lieder. Die Kirchen, die guten Klänge, die sympathischen Menschen und die Anerkennung für die Leistungen – das ist es, was diesen Tag für alle Teilnehmer zu einem Tag der Freude werden lässt.