Angekommen- Aufgenommen

Einbeck. Die 17 Schülerinnen und Schüler der Goetheschule können stolz auf ihre Arbeit sein. Nicht nur, weil sie über zwei Schuljahre hinweg ein besonderes Kapitel der Geschichte Einbecks intensiv unter die Lupe genommen haben, sondern weil sie damit eine Ausstellung geschaffen haben, die mit bescheidenen Mitteln eine besondere Wirkung entfaltet und zum Stadtgespräch geworden ist.

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„Die Idee entstand schon vor einigen Jahren, als der schlesische Heimatverein für Patschkau und Umgebung im Rückblick auf die verlorene Heimat einen Raum im Stadtmuseum neu gestalten ließ. Da aber die Geschichte der Vertriebenen nicht mit dem Jahr 1046 endet, wollten wir das Leben und die Wege der ehemaligen Schlesier in der neuen Heimat Einbeck verfolgen“, sagt die Leiterin des Projektes, Dr. Elke Heege, vom Stadtmuseum Einbeck.
Dafür bot sich die Kooperation mit der Einbecker Goetheschule an. Im Rahmen eines Seminarfaches „Geschichte erleben“ konnte die Lehrerin Dr. Susanne Mosler 17 Schüler gewinnen, sich an der Recherche zu beteiligen. Die bewerteten Arbeitsergebnisse sind Bestandteil der Abiturnoten geworden.

„Angekommen – Aufgenommen“ – Nur zwei Worte für eine Ausstellung, die es in sich hat. Die Schüler – sie haben alle ihr Abitur bestanden – sind von Haustür zu Haustür gegangen, haben Interviews gemacht und Fotos gesammelt. Sie lassen das besondere Kapitel der Einbecker Geschichte so beginnen:

1.500 Menschen kommen mit dem Güterzug nach Einbeck
Güterwagen rollen an die Rampe des Einbecker Güterbahnhofs, Waggontüren öffnen sich rumpelnd und quietschend: Aus dem Zug steigen am späten Nachmittag des 4. Juni 1946  etwa 1.500 Personen: Alte, Frauen und Kinder, manche mit Gepäck, viele nur mit den Sachen, die sie auf dem Leib tragen. Erschöpft und hungrig, ungläubig, misstrauisch und ängstlich stehen sie vor einem imposanten Fabrikgebäude: der Fahrrad-Fabrik Heidemann. Angestellte der Stadtverwaltung stehen bereit, um die Unterbringung zu organisieren. Die Vertriebenen, überwiegend aus Patschkau und Neiße, müssen sich entscheiden: Bleiben wir in der Stadt oder gehen wir aufs Dorf? Alles ist provisorisch: Es gibt nur unzureichende Notquartiere, Nahrungsmittel sind knapp, es fehlt an allen Ecken und Enden. Aber wenigstens ist die Reise, die von Ottmachau in Schlesien ins Ungewisse führte, erst einmal zu Ende.

Wie ging es weiter?
Die Schüler haben sich mit den zentralen Dingen des damaligen Lebens befasst: mit der ersten Unterkunft und der rasanten Stadtentwicklung nach 1950, mit Schulbesuch, Lehrstellen und der Schwierigkeit Arbeit zu finden, mit Selbstversorgung aus dem Garten, mit Ansichten und Einsichten der Einheimischen und Vertriebenen, und nicht zuletzt mit der Freizeitgestaltung und der hoch umstrittenen finanziellen Entschädigung für die erlittenen Verluste.

„Die Ergebnisse sind beeindruckend, meint Dr. Elke Heege, vor allem, weil die Schüler sich auch überlegt haben, mit welchen Gegenständen und Fotos die Aussagen unter die Haut gehen. So hatte beispielsweise ein Schüler die Idee, Vorurteile (z.B. „Heirate kein Flüchtlingsmädchen!“) auf einer Tafel für das normale Auge unsichtbar zu machen. Erst mit Hilfe einer roten Schablone werden die Sätze lesbar, wie Ansichten über die Vertriebenen oft hinter vorgehaltener Hand geäußert wurden.“


Liebesgeschichten von Fremden und Einheimischen
Besonders kreativ waren zwei Abiturientinnen: Sie haben nach Liebesgeschichten zwischen den „Fremden“ und den Einheimischen gefragt, und sie haben diese Geschichten in  Märchensprache erzählt. „Das Buch ist Teil der Ausstellung geworden, jetzt müssten wir es mit Fotos und Zeichnungen noch hübscher machen – zur Freude aller Besucher.“

Einige Kinder und Enkel der Patschkauer haben erst durch die Ausstellung  Details aus dem Leben ihrer Eltern und Großeltern erfahren. „Angekommen – Aufgenommen“ zeigt auch bei den Einheimischen eine Wirkung, „mit der wir nicht gerechnet haben“, sagt Dr. Elke Heege: „Viele Einbecker, die in der Ausstellung waren, wünschen sich, dass auch ein Teil ihrer Geschichte in der Nachkriegszeit sichtbar gemacht wird. Und das wollen wir gerne tun.“