Sollen Frauen Fahrrad fahren?

"Nein" – da waren sich fast alle Männer vor über 100 Jahren sicher.
"Frauen und Fahrräder – das passt nicht zusammen". Um diese Ansicht hartnäckig durchzusetzen, zogen sie alle möglichen Gründe heran. Frauen gehörten ins Haus, hätten dort schließlich genug zu tun. Außerdem könnten sie mit einem Korsett ja wohl unmöglich auf ein Rad steigen. Und Frauen, die Fahrrad fahren, könnten keine Kinder bekommen...

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Diese diskriminierende Haltung wird im Jahr 1906 sogar mit einer Postkartenserie in Umlauf gebracht. Dabei wird den Frauen unterstellt, sie würden absichtlich auf die Männerwelt losgehen und jeden umfahren, der sich ihnen in den Weg stellt. Sie würden auch vor den Damen der feinen Gesellschaft keinen Halt machen.

Wer schüttelt nicht den Kopf, wenn er das hört?
Einleuchtend und amüsierend zugleich ist dagegen ein anderes Kapitel in der Geschichte der Fahrräder: Vor langer Zeit mussten Fahrradfahrer eine Trillerpfeife, eine Hundepeitsche und für ganz schwierige Fälle sogar eine Hundebombe (=überdimenisonierte Knallerbse) mit sich führen, denn besonders auf den Dörfern jagten Hunde den Fahrrädern hinterher.

Man mag diese beiden gut dokumentierten Beispiele für ungewöhnlich halten, aber die Ausstellung im StadtMuseum Einbeck überrascht ausnahmslos mit allen Kapiteln zur Geschichte des Fahrrades: Klasse statt Masse. Pointierte Geschichten, keine langatmigen historischen Abhandlungen. Technische Details fein dosiert und plausibel erklärt. Anfassen, Ausprobieren, Mitmachen und Nachdenken erwünscht. Die Historikerin Dr. Elke Heege hat mit großem Engagement und viel Liebe zum Detail etwas aufgebaut, was sich deutlich von anderen Ausstellungen unterscheidet und deshalb auch im Gedächtnis bleibt, also nachhaltig wirkt: das Radhaus im StadtMuseum Einbeck.

Den Beginn macht die Laufmaschine (aus Holz) des Karl Freiherrn von Drais (Karlsruhe), mit der er 1817 die "Mutter aller Fahrräder" geschaffen hatte. Laufräder sind im Übrigen seit Jahren unter uns: Kleine Kinder üben mit ihnen den Einstieg in die mobile Welt.

Gut 50 Jahre nach der Drais´schen Sensation muss man sich beim Fahren nicht mehr mit den Beinen abstoßen, sondern kann in die Pedalen treten: Es heißt, Pierre Michaux (Paris) habe in das Vorderrad eines Laufrades Kurbeln und Pedale eingebaut. Michaux nennt das Gefährt Velocipedes und stellt es auf der Weltauststellung 1867 in Paris vor.

Hochräder bestimmen die nächste Etappe in der Geschichte der Fahrräder. Der Begriff "Knochenschüttler" passt auf alle drei Fahrzeuge, denn Straßen waren in jener Zeit wegen des Kopfsteinpflasters holprig – und das Fahren darauf entsprechend grob.

Der Raum nebenan präsentiert die nächste Überraschung: Fahrräder, die vom Himmel fielen.
Gemeint sind die Vorgänger der Klappräder. Sie wurden aus ganz praktischen Gründen schon vor 100 Jahren erfunden: Pferde waren teuer, das Militär suchte nach günstigen Alternativen und kam so auf das Klapprad, das in seiner ersten Version zwar robust und stabil war, dafür aber auch sehr schwer.

Am 6. Juni 1944, dem so genannten D-Day, als die alliierten Truppen in der Normandie landeten, wurden Tausende Klappräder aus Flugzeugen geworfen, damit die Fallschirmspringer möglichst schnell ins Hinterland kamen. Klar, dass das Radhaus im StadtMuseum Einbeck ein "D-Day-Klapprad" ausstellt.

Fahrräder sind leichter geworden: Holzrahmen wurden durch Metall ersetzt, heutzutage sind Aluminium und Carbon als Werkstoffe üblich. Dank des Kohlenfaserstoffs Carbon gelang es einigen Tüftlern, mit einem Fahrrad zu fliegen. Kabine und Tragflächen des Flugzeugs sind aus 40 Kilogramm Carbon geformt, das Fahrrad in der Kabine funktioniert als "Motor".

Warum hat Einbeck eine Ausstellung über die Geschichte des Fahrrades?
Weil ein gewisser August Stukenbrok einst hier landete und nach kurzer Zeit Fahrräder in großen Mengen produzieren ließ. Stukenbrok war kein Techniker, sondern Kaufmann. Er kombinierte seinen "Riecher" – Fahrräder werden überall gebraucht – mit einem Versandhandel. Das Prinzip: Bestellungen werden zügig bearbeitet und ebenso schnell ausgeliefert. Das war sehr erfolgreich – der Versandhandel boomte schließlich auch mit vielen anderen Dingen des Alltags. Sein Waren-Katalog wurde millionenfach gedruckt, der Name August Stukenbrok war in Deutschland ein Begriff.

Dem phänomenalen Aufstieg folgte 1931 die Pleite – die Hallen standen leer, wurden aber wieder von einem Fahrradproduzenten mit Leben gefüllt. Heidemann war sein Name, nach ihm wurden auch die Fahrräder genannt. Das Kürzel "HWE" (Heidemann Werke Einbeck) ist vielen Menschen in Niedersachen noch geläufig.

Die Geschichte des Fahrrades im StadtMuseum ist eine äußerst wertvolle Dokumentation, die gerade in unserer Zeit des schnellen Wandels einlädt zum Staunen, Bewundern, Weitersagen und natürlich zum Wiederkommen.

So beginnt die Ausstellung im Radhaus (StadtMuseum Einbeck)Werbung aus der Glanzzeit des Versandhandels StukenbrokIn der Abteilung Frauen und FahrräderDiese beiden Männer haben das kleinste Fahrrad der Welt konstruiertDie Laufmaschine von Karl Freiherrn von DraisSchon mit Bremse und Pedalen: Velocipedes von MichauxBesucher dürfen sich sich auf das Hochrad setzenFahrrad-Rahmen aus Holz, Metall und CarbonDas Klapprad rechts fiel am 6. November 1941 in der Normandie vom Himmel