Helene hat jetzt ein schönes Zuhause

Fast jedes Ausstellungsstück hat eine ungewöhnliche Geschichte, auch die schöne Puppe  „Helene“: Sie kommt aus Deutschland und landete eines Tages in Murmansk am Eismeer. Helene hat den Zweiten Weltkrieg überlebt und ist vor einigen Jahren zurückgekehrt, weil die Besitzerin ein schönes Zuhause für die Puppe haben wollte: das Spielmuseum Soltau.

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Spielmuseum Soltau

Anfang 2000 erhielt das Spielmuseum Soltau ein besonderes Geschenk: eine in Waltershausen (Thüringen) um 1925 hergestellte Babypuppe mit Biskuitporzellankopf, die dem Museum von einer älteren Dame aus Murmansk gestiftet wurde. Im April 1999 erreichte der folgende Brief das Spielmuseum Soltau:

"Liebe Freunde!

Ich wende mich an Sie von einem sehr weit entfernten Ort aus: Murmansk auf der Kolski-Halbinsel im äußersten Norden von Rußland. [...] Ich möchte ein Zuhause für eine Puppe finden, die so viel Freude in unsere Familie gebracht hat. Ich möchte nicht, daß sie ein Waisenkind wird. Bitte, helfen sie uns, für Helene einen Weg nach Hause zu finden."

Wir (Familie Ernst, Soltau) erfuhren , dass die Schwester der älteren Dame 1930 in Leipzig eine Puppe von ihrer Lehrerin geschenkt bekommen hatte. Als die Familie 1931 Deutschland verließ, kam "Helene", die nach ihrer Geberin benannt wurde, mit in die Sowjetunion.

"Die Puppe mit dem Namen Helene wurde ein Mitglied unserer Familie und war für Jahre vielleicht der teuerste Gegenstand. Sie teilte das Leben der Familie mit allen Schwierigkeiten jener Zeit: Drei Jahre lang war sie während der Leningrader-Blockade in einem Keller verborgen, aber ihr ist nichts geschehen. Zweimal wurde Helene aus Gefahr gerettet, als sei sie ein Baby, keine Puppe - sie hat die Größe eines einjährigen Babies."

Später hörten wir mehr über die Geschichte der Familie und der Puppe Helene.

  • St. Petersburg (Leningrad), Moskau, Murmansk, Soltau

„Sie war schon meine Puppe, als der Krieg begann und ich aus Leningrad evakuiert wurde. Die Evakuierung rettete mein Leben. Als ich zurückkam, waren wir nur vier Kinder aus meiner Klasse, die sich wiederfanden - zwei Jungen und zwei Mädchen. Das war das Ergebnis der Blockade.

 

Im März 1942 wurde mein Vater wegen einer schweren Erkrankung evakuiert, und anschließend wurden alle Wertgegenstände aus der Wohnung zusammengestellt, in eine Truhe gepackt und im Keller versteckt. In dieser Truhe lebte Helene fünf Jahre lang - und sie war das einzige darin, was nicht von Frost und Feuchtigkeit beschädigt wurde.

Als meine Schwester nach dem Krieg zurückkehrte, nahm sie die Puppe mit nach Moskau. Aber als sie starb, wurde die arme Puppe weggeworfen; es war wirklich ein Wunder, daß ich sie noch in einem Müllcontainer finden konnte, der schon vor einem sehr großen Gebäude in Moskau abgeholt worden war. So habe ich sie dann nach Murmansk mitgenommen. Und ich möchte nicht, daß ihr so etwas noch einmal zustößt.

Armes Kind, sie kommt nackt zurück - aber wenn ihr sie anzieht, bitte, schickt mir ein Photo, bitte. [...] Meine Schwester wäre sehr glücklich, wenn sie wüßte, daß Helene wieder zu Hause ist."

Helene hat im Spielmuseum ein neues Zuhause gefunden. Nach den detailgenauen Angaben ihrer "Puppenmutter" wurde ihre Kleidung - ein rosa Baumwollkleid und ein hellblauer Mantel mit Mützchen - von einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin des Museums nachgestaltet.

Bei ihrer Übersendung half uns das deutsche Generalkonsulat in St. Petersburg, das nicht nur Helene in Empfang nahm, sondern sie dem Museum auch persönlich überbrachte. Den langen Weg von Murmansk nach St. Petersburg hatte die ältere Dame per Bahn auf sich genommen, um auf jeden Fall sicherzustellen, daß die Puppe unbeschadet nach Deutschland kommen würde.

Alles hat geklappt - und darüber freut sich nicht nur jemand in Murmansk!

Unseren Besuchern möchten wir nun die traurige und glückliche Geschichte von Helene nahebringen. Dabei sehen wir Helene nicht nur als eine Zeitzeugin, sondern v.a. als eine Botschafterin der Völkerverständigung - als ein wunderbares Zeichen dafür, dass es trotz all des Leidens, das durch Diktaturen und Kriege im 20. Jahrhundert verursacht wurde, Hoffnung und neues Vertrauen gibt.

Am Anfang von Helenes Lebensweg stand das Geschenk einer deutschen Lehrerin an ein russisches Kind, heute ist Helene als Geschenk einer russischen Lehrerin nach Deutschland zurückgekehrt. Diese Geste bedeutet uns sehr viel; sie weist in eine Zukunft, in der Toleranz und Freigebigkeit zu weltweiten Grundsäulen des Zusammenlebens geworden sind.

Familie Ernst, Soltau