Das Bramscher Rot – bis heute ein Geheimnis

Jeder Griff musste sitzen, die Qualität musste stimmen. Ziel war „ein ganzes Bleisiegel“, denn es bedeutete: Dieses Tuch hat keine Fehler und darf ohne Einschränkungen in den Handel. Bekam man kein Bleisiegel, war die Arbeit umsonst - immerhin 18 anspruchsvolle Tätigkeiten, bei denen aus Rohwolle Bekleidung oder Wolldecken hergestellt wurden.

Ja, ja, das ist lange her, aber auch wenn inzwischen Bleisiegel vergessen sind und die Wollfäden von Computern gesteuert werden: Man braucht immer noch 18 Arbeitsschritte.


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Das Tuchmacher Museum in Bramsche nördlich von Osnabrück zeigt uns die Stationen, an denen die Wolle verarbeitet und für den jeweils nächsten Schritt vorbereitet wurde; es stellt uns die perfekt ausgetüftelten Maschinen vor, die trotz ihrer 100 Jahre immer noch wie geschmiert laufen. Das Museum beeindruckt uns vor allem mit der Kunst der Erzählung: Engagierte Gästeführerinnen berichten von den Menschen, die hier arbeiteten und ihre Familien ernährten. „Weben“ klingt schön, und wer hat es heutzutage nicht schon in einem Kursus probiert? Aber wie lange würde so ein Kurs dauern, wenn wir auch die 7 Arbeitsschritte vor dem Weben erledigen müssten? Wolle waschen und färben, sortieren und wolfen, krempeln, feinspinnen, zwirnen, spulen, schären.

Und wie steht´s mit den 10 Tätigkeiten danach?

Fehler kontrollieren, walken, waschen und spülen, trocknen, rauhen/kardieren, scheren, pressen, dekatieren (= unter Wasserdampf schrumpfen), legen, wickeln und messen.

Walken – der wichtigste Arbeitsschritt nach dem Weben - ist das Verdichten der Wolle, damit sie als Bekleidung wärmt und vor Regen und Wind schützt. Sie musste dazu nass sein und wurde mit Hämmern aus Holz geklopft. Bis vor 100 Jahren war Urin von Männern eine ideale Walkflüssigkeit, danach wurde Soda, Seife oder auch Säure verwendet. Die Bramscher Tuchmacher betrieben von 1580 bis 1972 eine Walkmühle. Die Walke war Teil einer größeren Mühlenanlage des Fürstbischofs von Osnabrück, in der mehrere Gewerke die Wasserkraft nutzen. Sie ist heute Teil des Museums.

Kardieren ist das Aufrauhen der Oberfläche, z. B. in der Innenseite eines Mantels, damit er schön warm war. Die Tuchscherer benutzten dazu eine ganz besondere Distel-Art, die Weberkarde, die besonders kleine, breite, spitz zulaufende, und vor allem harte „Blätter“ hatten, mit denen sie die Oberfläche bearbeiten konnten.

Vom 16. Jahrhundert bis 1972 lebten die Menschen in Bramsche von Wolle. Am Anfang arbeiteten sie in Werkstätten in kleinen Häusern und nutzen zusammen mit anderen Gewerken die Mühlenanlage an dem Fluss Hase. Später entstand hieraus im 19. Jahrhundert eine kleine Fabrik. „Standbeine“ waren Tuche für das Militär und Arbeitshosen aus Wolle.

Hätte es im Jahr 1771 schon das Internet gegeben, wäre der Schönfärber Andreas Wolff über Nacht berühmt geworden. Er hatte eine Methode entwickelt, nach der er Wolle in leuchtend Rot färben konnte. Man weiß nur, dass er dazu einen Zinnkessel brauchte – weitere Details blieben bis heute verborgen. Nur die Königshäuser und der Klerus konnten sich seinerzeit rote Kleidung leisten, denn zum Färben wurden Pflanzen benutzt, oder Purpurschnecken, von denen man sehr, sehr viele brauchte. Klar war das dann immens teuer.

Und dank der Wolffschen Methode trugen in Bramsche Frauen aus einfachen Kreisen rote Kleider. Das musste sich herumsprechen, und zwar im ganzen Land.

Das „Bramscher Rot“ sorgte allerdings auch für Aufträge und damit für gutes Geld – bis 1837 wurden Uniformen der hannöverschen und englischen Soldaten in Rot hergestellt, danach ließ das Preußische Militär seine Uniformen in „Preußisch Blau“ produzieren.

Kleidung aus Wolle – auch die oben erwähnte Arbeitshose – waren lange „in“, aber neue und billigere Materialien aus Chemie, neue Produktionstechniken, Strukturwandel, häufiger Wechsel der Mode und viele andere Ursachen führten dazu, dass zwischen 1960 und 1972 alle Textilbetriebe in Bramsche schlossen.

Gut, dass es engagierte Menschen gibt - im Förderverein - , die diesen einmaligen Standort erhalten haben und ihre Arbeit mit viel Herzblut machen. Ohne sie wäre sehr viel Wissen und Kulturgeschichte verschollen.

Die Färberei – hier wurde die Wolle in „Bramscher Rot“ aus Krapp-Pflanzen in Zinnkesseln gefärbt.Dutzende von kleinen und großen Zahnrädern müssen beim Krempeln der Wolle reibungslos ineinander greifen.Im Tuchmacher Museum Bramsche können die Besucherinnen und Besucher die Maschinen „in Betrieb“ miterleben.Die Tuchmacher in Bramsche nutzten seit dem 16. Jahrhundert die Wasserkraft des Flusses Hase zur Produktion ihrer Stoffe – erst zum Walken (Verdichten) der Stoffe, später zum Antrieb ihrer Maschinen mit Transmissionen.In der Kornmühle finden regelmäßig Sonderausstellungen zur Technik- und Stadtgeschichte, Kunstausstellung mit dem Schwerpunkt Textilkunst sowie Konzerte, Lesungen, Theateraufführungen und Vorträge statt.Dem Prinzip nach ein Computer – mit dem Jacquard-Webstuhl können mit Hilfe von Lochkarten komplizierte Muster ‚programmiert‘ und gewebt werden.Zum Vorbereiten des Spinnens werden beim Krempel die losen Wollfasern zu einem dichten Vlies ausgerichtet.Bei der Krempel läuft die Wolle über mehrere Walzen bis ein Woll-Vlies entsteht.Mit der Crompton Mule ist eine der ältesten, noch funktionsfähigen Spinnmaschinen Europas im Tuchmacher Museum Bramsche zu sehen.Der Selfaktor – einer von 18 Arbeitsschritten bei dem Weg von der Rohwolle zum fertigen Wolltuch.Im Tuchmacher Museum Bramsche gehen die Besucherinnen und Besucher auf Tuchfühlung mit der Geschichte der Tuchherstellung.Das Weben war früher arbeitsintensiv – ein wichtiger Schritt war die Entwicklung eines „Ein-Mann-Webstuhls“.

EINTRITTSPREISE

Erwachsene:5 Euro
Ermäßigt:3 Euro

Kinder und Jugndl. bis 18 Jahre frei.
Für Mobilitätseingeschränkte geeignet.

ÖFFNUNGZEITEN

MontagRuhetag
DI-SO10:00 bis 17:00 Uhr
Feiertag10:00 bis 17:00 Uhr

URHEBER FOTOS

Lichtenberg, Rega, Schuhmacher, Zietlow